Ist Bedürfnisorientierung der beste Erziehungsstil?

Zurzeit wird in den sozialen und klassischen Medien viel über bedürfnisorientierte Erziehung gesprochen und diskutiert. Die einen sagen, die Bedürfnisse der Kinder müssen gehört und erfüllt werden, damit sich das Kind gut entwickeln und erfolgreich werden kann. Andere halten dagegen: Durch diesen Erziehungsstil werden die Kinder verwöhnt und lernen nicht, Grenzen und Regeln zu beachten. Ich setze mich in diesem Artikel mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Einfluss der elterlichen Erziehung auf die kindliche Entwicklung und Persönlichkeit auseinander, um anschließend zu schauen, ob Bedürfnisorientierung das Potenzial hat, die kindliche Entwicklung förderlich zu begleiten oder ob sie Gefahr läuft, verwöhnte Einzelgänger hervorzubringen.

Welche Erziehungsstile gibt es?

Der bedürfnisorientierte Erziehungsstil selbst ist noch recht jung und wenig erforscht. Allerdings beschäftigen sich Entwicklungspsychologie und Pädagogik schon seit einigen Jahrzehnten damit, wie sich unterschiedliche Erziehungsstile auf die Persönlichkeit und das Verhalten von Kindern auswirken. Dabei werden meist drei oder vier Erziehungsstile beschrieben, die sich im Grad der von den Eltern gestellten Anforderungen und ihrer emotionalen Ansprechbarkeit unterscheiden (siehe Abbildung). Die emotionale Ansprechbarkeit meint dabei die Feinfühligkeit der Eltern, ihre Annahme und Begleitung von kindlichen Gefühlen. Anforderungen der Eltern sind die Erwartungen, die sie an das Verhalten des Kindes stellen.

Die dadurch meist definierten Erziehungsstile sind:

  1. autoritativer, reifer oder demokratischer Erziehungsstil (hohe Anforderungen, hohe Ansprechbarkeit
  2. autoritärer oder paradoxer Erziehungsstil (hohe Anforderungen, geringe Ansprechbarkeit)
  3. permissiver oder laissez-fairer Erziehungsstil (geringe Anforderungen), der je nach Ansprechbarkeit auch unterteilt wird in:
    • permissiv-verwöhnender oder naiver Erziehungsstil (hohe Ansprechbarkeit)
    • zurückweisend-vernachlässigender oder gleichgültiger Erziehungsstil (geringe Ansprechbarkeit)
Übersicht über autoritative, autoritäre, permissive und vernachlässigende Erziehung
Quelle: Siegler et al. (2016), S. 444

Der autoritative, reife oder demokratische Erziehungsstil zeichnet sich dadurch aus, dass die Eltern hohe und klare Anforderungen an das Kind stellen, gleichzeitig aber Verständnis für dessen Bedürfnisse, Gefühle, Meinungen und Ideen zeigen. Autoritativ erziehende Eltern suchen das Gespräch mit dem Kind, nehmen dessen Perspektive ernst und erklären die eigenen Ansichten. Dennoch übernehmen die Eltern die Führung, setzen die eigenen Ansichten durch und leiten und steuern das kindliche Verhalten.

Der autoritäre oder paradoxe Erziehungsstil ist geprägt von einer starken Kontrolle der Eltern über die Kinder. Die Eltern gehen nicht in den Austausch mit ihren Kindern, sondern erwarten von ihnen, dass sie die eigenen Ansichten übernehmen, Autorität respektieren und traditionelle Strukturen wahren. Die eigene Autorität erhalten die Eltern mit Strafen, Drohungen oder psychologischer Kontrolle. Die Interessen, Gefühle oder Meinungen des Kindes finden keine Beachtung.

Bei einem permissiv-verwöhnenden oder naiven Erziehungsstil wird das kindliche Verhalten nicht eingeschränkt. Die Eltern verhalten sich liebevoll, kindliches Verhalten und Wünsche werden bejaht und nicht an äußeren Standards gemessen. Die Eltern erklären dem Kind keine Regeln für das Zusammenleben, steuern dessen Handlungen nicht und auf unerwünschtes Verhalten folgt keine Konsequenz.

Auch bei einem gleichgültigen oder zurückweisend-vernachlässigenden Erziehungsstil steuern die Eltern kindliche Handlungen nicht und fordern keine Regeleinhaltung ein. Gleichzeitig verhalten sie sich aber unbeteiligt und kalt gegenüber dem Kind, konzentrieren sich stark auf die eigenen Bedürfnisse und lehnen das Kind und seine Bedürfnisse teilweise ab.

Welche Erziehungsstile sind gut für das Kind?

Ein großer Teil der Forschung zu den Auswirkungen unterschiedlicher Erziehungsstile auf die Entwicklung von Kindern kommt zu dem Schluss, dass der reife oder autoritative Erziehungsstil mit verschiedenen günstigen Entwicklungsmerkmalen verbunden ist. Erziehungsstile mit körperlicher Bestrafung, inkonsistenter Disziplinierung und geringer elterlicher Kontrolle zeigen hingegen einen direkten Zusammenhang mit gewalttätigen, impulsiven und gesetzeswidrigen Handlungen der Heranwachsenden. Insbesondere Kinder, die in einer autoritären oder vernachlässigenden Umgebung aufwachsen, haben später häufiger Depressionen und einen geringen Selbstwert. Aber auch eine permissiv-verwöhnende Erziehung wird mit Impulsivität und geringer Selbstbeherrschung in Zusammenhang gebracht.

Es scheint also eindeutig, dass ein autoritativer Erziehungsstil die förderlichste Form elterlicher Begleitung ist. Ich schreibe hier, dass es so scheint, weil diese Ergebnislage zwei zentrale Einschränkungen aufweist:

  • Erziehungsstil und kindliches Verhalten bedingen sich gegenseitig.
  • Der kulturelle Kontext beeinflusst die Wahrnehmung und Auswirkungen der Erziehung.

Neben den Belegen, dass sich ein autoritativer Erziehungsstil positiv auf die kindliche Entwicklung auswirkt, gibt es auch einige Untersuchungen, die feststellen, dass negatives Verhalten und Depressionen von Kindern und Jugendlichen zu weniger autoritativem Erziehungsverhalten führen. Auch ist es möglich, dass von Natur aus kooperative Kinder den Eltern einen entsprechenden Erziehungsstil erleichtern, während weniger kooperative Kinder bei den Eltern zu mehr Kontrolle oder Aufgabe von Kontrolle führen. Vergleichsweise wenig Beachtung erfährt der Umstand, dass in den meisten Fällen Eltern mit ihren biologischen Kindern leben und diese ähnliche Veranlagungen haben können. Ebenso kann eine Veranlagung zu Kooperationsbereitschaft die kompetenten Kinder von autoritativ erziehenden Eltern mit erklären. Daher müssen auch genetische bzw. temperamentbedingte Gemeinsamkeiten zwischen Eltern und Kindern bei der Interpretation solcher Zusammenhänge berücksichtigt werden. Ein Zusammenhang zwischen einem bestimmten Erziehungsverhalten und dem Verhalten des Kindes lässt deshalb nicht automatisch auf eine eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehung schließen.

Neben diesen gegenseitigen Einflüssen von Eltern und Kindern spielt auch der kulturelle Kontext eine Rolle. So befassen sich die meisten Studien mit dem euroamerikanischen Raum, während sich bereits in afro- oder chinesisch-amerikanischen Subkulturen Abweichungen vom Schema zeigen. In diesen Kulturen wird der autoritäre Erziehungsstil nicht nur von den Kindern positiver wahrgenommen, sondern steht auch in positivem Zusammenhang mit Selbstwert und Erfolg der Kinder. Insgesamt deutet aber vieles darauf hin, dass kulturübergreifend elterliche Wärme und Kontrolle die günstigste Kombination für eine positive Entwicklung der Kinder ist.

Ist Bedürfnisorientierung der beste Erziehungsstil?

Bedürfnisorientierte Erziehung wird sowohl von Befürworter:innen als auch von Kritiker:innen teilweise so verstanden, dass jedes kindliche Bedürfnis erfüllt werden muss. Gleichzeitig werden dabei Bedürfnisse oft mit Wünschen vermischt. Zur Unterscheidung hier ein paar Beispiele: Essen ist ein Bedürfnis, Eisessen ist ein Wunsch. Einschlafbegleitung ist ein Bedürfnis, dabei den Finger in Papas Nase zu stecken, ist ein Wunsch. Anregende Beschäftigung und Spiel sind ein kindliches Bedürfnis, das neueste Lego-Pokémon zu haben, ist ein Wunsch.

Werden alle diese Wünsche als Bedürfnisse wahrgenommen und erfüllt, entsteht ein permissiv-verwöhnender oder naiver Erziehungsstil, der tatsächlich keine Grenzen für das Kind kennt und die komplette Aufopferung der Eltern bedeutet, wobei dem Kind jeder Wunsch erfüllt und jede Handlung toleriert wird. Mit diesem Verständnis ist Bedürfnisorientierung nicht die beste Form, Kinder auf das Leben in der Gesellschaft vorzubereiten, in der es eben auch Regeleinhaltung und Grenzwahrung braucht.

Es werden aber auch vermehrt Stimmen laut, die sich dem entgegensetzen und sagen, bedürfnisorientierte Erziehung bedeutet, alle Bedürfnisse in der Familie als gleichwertig anzuerkennen und gegenüberzustellen. Diese Stimmen betonen, dass Grenzen auch in der bedürfnisorientierten Erziehung elementar sind, denn sie sorgen dafür, dass auch die Bedürfnisse anderer, z. B. der Eltern oder Geschwister, berücksichtigt werden. Die Schwierigkeit besteht dabei vor allem darin, das Bedürfnis hinter einem Wunsch oder einem Verhalten zu erkennen und darauf zu reagieren. Das ist mehr als ein Vollzeitjob, eigentlich eine Lebensaufgabe und setzt voraus, dass sich Eltern auf ihr Kind einlassen und es verstehen wollen. Hinter der Forderung nach Eis kann das Bedürfnis stehen, gemeinsam Zeit zu verbringen. Hinter dem Wunsch, den Finger in Papas Nase zu stecken, kann das Bedürfnis nach körperlicher Nähe oder Bewegung stehen. Hinter dem Wunsch nach dem angesagtesten Spielzeug kann das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung stecken usw.

In dieser Auslegung, dass Bedürfnisorientierung bedeutet, die Bedürfnisse hinter Verhalten und Wünschen zu erkennen und Bedürfnisse verschiedener Personen zu berücksichtigen, kann die bedürfnisorientierte Erziehung als eine Form des autoritativen Erziehungsstils angesehen werden. Die Eltern übernehmen die Verantwortung für Entscheidungen und achten auf das Einhalten von Regeln, welche Bedürfnisse anderer schützen (Anforderungen), lassen die Kinder aber daran teilhaben und begleiten möglichen Ärger und Frust liebevoll (Ansprechbarkeit).

Konkret kann das zum Beispiel so aussehen, dass die Eltern entscheiden, dass es heute kein Eis mehr gibt, dafür aber anderes Essen anbieten, das gemeinsam auf einer Picknickdecke gegessen wird. Wenn Papa nicht möchte, dass sich der kleine Finger in seine Nase bohrt, hält er das nicht einfach aus, damit das Kind zufrieden ist, sondern bietet ihm eine Alternative an, zum Beispiel kann es den Finger in seine Faust stecken. Mit älteren Kindern kann man darüber sprechen, wie man Freunde gewinnt, ohne immer das neueste Spielzeug zu besitzen.

Natürlich kann es trotzdem sein, dass das Kind wütend wird, dass es heute kein Eis gibt, weint, wenn es den Finger nicht dort vergraben kann, wo es das gerne möchte, oder sich ärgert, dass es nicht das gewünschte Spielzeug bekommt. An dieser Stelle ist die elterliche Zuwendung gefragt, die das Gefühl ernst nimmt, das Kind tröstet und dennoch bei der getroffenen Entscheidung bleibt.

Denn eines ist bei der Orientierung an Bedürfnissen sehr wichtig: Kinder haben ein riesiges Bedürfnis nach Orientierung. Dieses Bedürfnis äußern sie aber selten als Wunsch, sondern es zeigt sich eher im Spiel mit Regeln. Das sogenannte Testen von Grenzen muss deshalb nicht einfach als freches Verhalten verstanden werden. Es ist ein aktives Spiel, bei dem das Kind überprüft, wie verlässlich eine Regel ist. Deswegen ist es gerade in der bedürfnisorientierten Erziehung so wichtig, klare Regeln wie „Es wird nicht geschlagen“ oder „In Papas Nase wird nicht gebohrt“ aufzustellen und deren Einhaltung immer wieder einzufordern, damit sie die Entwicklung positiv beeinflusst und nicht zu einem regellosen, permissiven Stil wird. Denn diese elterliche Anforderung, sich an Regeln zu halten und Grenzen anderer zu respektieren, ist eine wichtige Komponente des autoritativen Erziehungsstils.

Dass auf diese Grenze große Gefühle folgen können, gehört zum Leben dazu. Schließlich wurde ein Wunsch nicht erfüllt und auch Kinder müssen noch lernen, Bedürfnisse von Wünschen zu unterscheiden. Am besten lernen sie das, wenn ihre Eltern es ihnen vorleben. Und das heißt eben, dass Bedürfnisse erfüllt und Wünsche begrenzt werden. Bedürfnisorientiert heißt dann aber eben auch, die Gefühle, die auf einen unerfüllten Wunsch folgen, zu begleiten und nicht autoritär zu unterdrücken. Dann ist bedürfnisorientierte Erziehung sowohl mit Anforderungen, d. h. Regeleinhaltung, als auch mit emotionaler Ansprechbarkeit, d. h. Gefühlsbegleitung, verbunden und entspricht dem entwicklungsförderlichen autoritativen Erziehungsstil.

Quellen:

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