Warum lernen wir nur gerne, bis wir in die Schule kommen?
Unser ganzes Leben besteht aus Lernen, doch meistens nehmen wir die kleinen Verhaltensänderungen, den Zuwachs in unserem Wissen oder neue Fähigkeiten kaum wahr und es geschieht wie von selbst. Im Gegensatz dazu erscheint das Lernen in der Schule oft mühsam, langweilig oder kräftezehrend. Die Lernfreude kleiner Kinder, die mit enormer Ausdauer immer wieder aufstehen, wenn sie hinfallen, weil sie doch unbedingt Laufen lernen wollen, oder das unermüdliche Wiederholen von Kleinkindern im Spiel, bis sie Abläufe verinnerlicht haben, scheint mit Eintritt in die Schule wie weggeblasen. Warum ist das so? Könnte man nicht das Lernen im schulischen Unterricht so gestalten, dass es den natürlichen Lerngelegenheiten des Lebens entspricht und Freude am Lernen statt Frustration hervorbringt?
Schaut man sich verschiedene Theorien zur kindlichen Entwicklung und damit zum natürlichen Lernen an, fällt vor allem die zentrale Bedeutung der Aufmerksamkeit und der sozialen Beziehungen auf. Entscheidend ist demnach einerseits, welchen Inhalten wie viel Aufmerksamkeit geschenkt und wie intensiv sie verarbeitet werden. Andererseits sind Kinder in ihrer Entwicklung auf kompetente Vorbilder und Beziehungspersonen angewiesen, welche als Orientierung und Unterstützung dienen. Lernen geschieht zunächst dadurch, dass das Kind gezielt beobachtet und nachahmt. Dabei ist die Beobachtung von Anfang an interessengeleitet, sodass bereits kleine Kinder Unterschiedliches aus derselben Situation lernen. Bei der Beobachtung eines Mobiles achtet das eine Kind zum Beispiel besonders auf die Bewegung der Anhänger, ein anderes nimmt verschiedene Farben besonders in den Blick, während sich ein drittes Kind vor allem auf das Schattenspiel an der Wand konzentriert.
Gleichzeitig findet Lernen meist im Kontakt mit anderen Menschen statt, an denen Kinder sich als Vorbilder orientieren. Soziale Beziehungen spielen also neben dem individuellen Interesse eine wichtige Rolle beim natürlichen Lernen. Ich möchte im Folgenden meine Gedanken dazu teilen, wie man in der Schule interessengeleitetes Lernen im Kontext sozialer Beziehungen umsetzen könnte, um so ein freudigeres und auch nachhaltigeres Lernen zu erreichen. Ich stütze mich dabei auf Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie und der Schulforschung.
Interessengeleitetes Lernen
Unterricht sieht in Deutschland meist so aus, dass die Lehrkraft, geleitet vom Lehrplan, ein Thema vorgibt und versucht, dieses so zu verpacken, dass es das Interesse der Schüler:innen weckt. Das können bunte Aufgabenblätter sein, lustige Geschichten oder es werden Interessen und Hobbys der Kinder aufgegriffen. Trotzdem ist das Thema fast immer durch den Lehrplan vorgegeben und muss den Kindern erst schmackhaft gemacht werden. So entsteht kein Interesse am Lerngegenstand selbst, sondern an dessen optischer, inhaltlicher oder sprachlicher Verpackung. Um das Interesse der Lernenden auf den Lerngegenstand selbst zu richten, muss das Neue einen Sinn erfüllen. Heißt die Antwort auf die Frage: „Warum machen wir das?“ lediglich „Weil es im Lehrplan steht.“, wird vor allem deutlich, dass auch die Lehrkräfte nicht wissen, wozu diese Inhalte später gut sein sollen.
Echtes Interesse entsteht also bei den Kindern, wenn der Lerninhalt sinnvoll ist. Nur, wie wird er sinnvoll? Die Antwort auf diese Frage ist so einfach, wie sie kompliziert ist: Indem er zur Lösung eines Problems gebraucht wird. Auch die bunten Verpackungen von Lehrplanthemen wirken oft so, als würde dadurch ein Problem gelöst werden. Nur haben die 20 Melonen, die Bauer Heinrich kauft, nichts mit der Lebenswelt der Kinder zu tun. Und auch die Berechnung einer Flugbahn beim Fußballspiel ist keine Frage, die sich eine begeisterte Fußballerin ständig stellt. Die Probleme müssen echte Probleme sein, denen die Lernenden tatsächlich begegnen oder die zur Lösung eines größeren Problems beitragen.
Beispiele reichen hier von der Frage, wie sich die Schulbücher am effizientesten im Regal an der Klassenzimmerwand unterbringen lassen, bis hin zu globalen gesellschaftlichen Themen wie Klimawandel und soziale Ungerechtigkeit. Besonders die großen Themen sind für das spätere Leben der Kinder unglaublich relevant und sollten daher den Unterricht noch viel stärker prägen. Gleichzeitig müssen diese in größeren Zusammenhängen gedacht und Unterrichtsfächer miteinander verbunden werden: Um den Klimawandel zu verstehen, muss man sich Informationen darüber verschaffen und wahre Inhalte von Vereinfachungen unterscheiden (Deutsch). Man muss verstehen, wie von Menschen produzierte Abgase die Temperatur erhöhen (Chemie/Physik). Die Einflüsse auf die Tier- und Pflanzenwelt sind ein weiterer wichtiger Aspekt, um das ganze Ausmaß der Erwärmung verstehen zu können (Bio). Daneben sind auch Einflüsse auf die globale Gemeinschaft relevant (Politik/GRW/GK/Ethik/…) und noch andere Bereiche sind zu beachten. So lautet die Frage nicht mehr: Wie erkläre ich den Schüler:innen soziale Gerechtigkeit?, sondern zum Beispiel: Warum beeinflusst der Klimawandel auch die soziale Gerechtigkeit?
Die Fachlehrpläne begründen dann nicht mehr, was im Unterricht thematisiert wird, sondern gesellschaftlich relevante Themen begründen, welche Inhalte in einem Fach behandelt werden müssen, um es in seiner ganzen Bandbreite zu verstehen.
Solch eine Herangehensweise an Unterricht fordert natürlich von Lehrkräften wie Schüler:innen ganz andere Kompetenzen. Unterricht muss in größeren Zusammenhängen gedacht werden, wobei sowohl Lehrkräfte verschiedener Fachrichtungen zusammenarbeiten als auch der Unterricht über mehrere Wochen zusammenhängend geplant werden muss. Der Unterricht muss ergebnisoffen gestaltet sein. Das bedeutet nicht, dass Inhalte und Ziele beliebig sind, sondern dass sich diese bei der Arbeit an einem Thema verändern können und dürfen.
In Ansätzen ist dieses Vorhaben zum Beispiel bereits im finnischen Bildungssystem umgesetzt. Das finnische Curriculum sieht unter anderem fachübergreifende Lernmodule vor, in denen ein Thema aus der Perspektive verschiedener Fächer betrachtet wird. Dabei wird ausdrücklich auch betont, dass damit die Freude am Lernen gefördert werden soll. Inwieweit dies gelingt, lässt sich noch nicht eindeutig feststellen, da im finnischen Bildungssystem auch andere Rahmenbedingungen gegeben sind, die sich positiv auf das Lernen und die Freude daran auswirken könnten. Es lässt sich aber sagen, dass der Bezug zu realen Problemen in der Welt viel näher am natürlichen Lernen ist als die aktuelle Orientierung an vorgegebenen Fachinhalten. Diese Richtung besitzt daher das Potenzial, die kindliche Freude an Lernen und Entwicklung in die Schule hinein zu tragen.
Soziale Beziehungen
Wenn nun der Lehrplan nicht mehr konkrete Fachinhalte vorgibt, sondern stets neu an aktuellen Themen erarbeitet wird, was ist dann die Aufgabe der Lehrkräfte? Auch hier gibt es eine einfache, aber in der Umsetzung komplizierte Antwort: Sie begleiten. Das heißt vor allem, dass die Lehrkraft kein starres Wissen vermittelt, sondern als Vorbild fungiert. Der Fokus auf Wissen, wie er in den meisten Lehrplänen nach wie vor vorherrscht (auch wenn dort von Kompetenzen gesprochen wird, sind verbindliche Fachinhalte immer noch die Norm), ist in Zeiten von Smartphones und KI veraltet. Das Wissen ist jederzeit abrufbar, es muss aber von Meinungen, Behauptungen und Halluzinationen unterschieden werden können. Diese Kompetenz zu entwickeln, ist die wichtigste Aufgabe der Schule, und dabei brauchen die Lernenden eine erwachsene Person an der Seite, die sie leitet. Zusammengefasst bedeutet diese Art von Lernen, dass Lehrkräfte nicht mehr Fakten beibringen, sondern den Lernenden beibringen, Fakten zu recherchieren, diese kritisch einzuordnen und von anderen Informationen zu unterscheiden.
Damit sich Kinder in dieser Form von ihren Lehrkräften begleiten und führen lassen, brauchen sie vor allem Vertrauen in die Erwachsenen. Sie brauchen eine echte soziale Beziehung, um die Lehrkraft als Vorbild anzunehmen. Dieses Vertrauen ist schwierig herzustellen, wenn die Lehrkraft in Verbindung mit Leistungsbewertungen steht, denn Leistungsbewertungen beachten den Prozess immer noch viel zu wenig, sondern sind meist eine Momentaufnahme, die zudem häufig sehr subjektiv ausfällt. Lehrkräfte sind also dazu aufgefordert, ihre Aufgaben neu zu denken. Statt Wissen vermitteln heißt es Lernen begleiten, und statt Leistung bewerten gilt es, Prozesse zu evaluieren. So kann Schule wieder Spaß machen und Lernfreude erhalten bleiben.
Wie gelingt nun nachhaltiges Lernen in der Schule?
Um ein nachhaltiges, weil sinnvolles Lernen in der Schule zu erreichen, muss das System neu gedacht werden. Wissen erfüllt keinen Selbstzweck mehr, weil es ständig abrufbar ist. Stattdessen muss Problemlösen der Fokus schulischen Lernens werden. Und zwar das Lösen echter Probleme, welche die Lernenden beschäftigen. Daher braucht das Lernen in der Schule auch mehr Raum für selbstbestimmtes Lernen, das sich an den tatsächlichen Interessen der Kinder orientiert und diese nicht nur als Verpackung vorgegebener Lerninhalte nutzt. das Wissen dient dem Zweck der Problemlösung und nicht umgekehrt wird ein Problem erschaffen, um Wissen zu vermitteln. In diesem neu gedachten Bildungsziel sind die Lehrkräfte keine Wissensvermittler:innen mehr, sondern Lernbegleiter:innen. Sie unterstützen die Lernenden beim Lernen und nicht beim Wissenserwerb. Damit liegt der Fokus auf dem Lernprozess, der anstelle des Lernergebnisses beurteilt wird. Die Lernbegleiter:innen müssen vor allem kompetent darin sein, Fakten von bloßen Meinungen zu unterscheiden und Probleme effektiv zu lösen, um darin als Vorbild und Begleitung für die Lernenden zu dienen. So gelingt zeitgemäßes und nachhaltiges Lernen.
Diese Gedanken sind natürlich kein fertiges Unterrichtskonzept. Sie sollen vielmehr einen wissenschaftlich begründeten Anstoß geben, das Lernen in der Schule so zu gestalten, dass es einerseits zukunftstauglich ist und andererseits kindliche Lernbegeisterung aufgreift und so Freude am schulischen Lernen ermöglicht.
Quellen:
- Siegler, R. et al. (2016). Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Springer Berlin Heidelberg.
- Sacher, W. (2014). Leistungen entwickeln, überprüfen und beurteilen. Bewährte und neue Wege für die Primar- und Sekundarstufe. Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn.
- Deci, E. L. & Ryan, R. M. (1993). Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik. Zeitschrift für Pädagogik, 39(2), 223–238. https://doi.org/10.25656/01:11173
- Ministry of Education and Culture, Finland. (2015). The new core curriculum for basic education emphasises the joy of learning.
- Schaffar, B., & Wolff, L.-A. (2024). Phenomenon-based Learning in Finland: A Critical Overview of its Historical and Philosophical Roots. Cogent Education, 11(1), Article 2309733 . https://doi.org/10.1080/2331186X.2024.2309733
