
Kooperation statt Gehorsam. Wie Kinder lernen, mit anderen zusammenzuarbeiten
Es gibt im Leben von Eltern viele Situationen, in denen es nicht nur wünschenswert, sondern notwendig ist, dass Kinder tun, was man ihnen sagt. Das gilt zum Beispiel im Straßenverkehr, in Menschenmengen oder anderen unübersichtlichen Situationen. Manchmal geht es aber auch nur um eine kurze Pause im stressigen Alltag, um Mithilfe im Haushalt, um das Einhalten sozialer Regeln oder um das gemeinsame Spiel mit Freunden. Auch dann müssen Kinder gelegentlich tun, was andere von ihnen wollen. Wer eigene Kinder hat oder Zeit mit Kindern verbringt, weiß: Gerade Kinder im Vorschulalter haben meist ihre eigenen Vorstellungen davon, wie etwas zu tun ist. Eltern stehen dann vor der Herausforderung, ihren Kindern einerseits Entscheidungsräume zur Autonomieentwicklung zu bieten und sie andererseits dazu zu bringen, notwendige Dinge zu tun.
Wie kann dieser Spagat zwischen Autonomie und elterlicher Führung langfristig gelingen, ohne dass jedes Zähneputzen zum Kraftakt wird und jedes Aufräumen einen Familienstreit nach sich zieht?
Im Wesentlichen gibt es drei Wege, damit Kinder tun, was man von ihnen verlangt: körperlicher oder psychischer Zwang, Belohnungen oder Konsequenzen und echte Kooperation.
Zwang: Wenn Eltern ihren Willen durchsetzen
Der Weg des Zwangs klingt zunächst nach unmittelbarer Gewalt, kann aber auch viel subtiler verlaufen. Denn Zwang findet überall dort statt, wo Eltern ihre körperliche oder autoritäre Überlegenheit nutzen, um den eigenen Willen gegen den des Kindes durchzusetzen. Das Kind ist dann in seiner Autonomie so eingeschränkt, dass es sich nur für den elterlichen Weg entscheiden kann, da ihm sonst physische oder seelische Schäden drohen. Dieser Zwang kann sich als offensichtliche physische Macht äußern, etwa durch Festhalten, Wegtragen, Einsperren oder sogar Schlagen. Aber auch die weniger sichtbare Form emotionaler Erpressung, etwa Liebesentzug und anhaltendes Ignorieren bei Fehlverhalten oder das Knüpfen von Zuwendung und Liebe an erwünschte Verhaltensweisen, ist eine Form von Zwang. Selbst die Androhung von Strafen, welche das körperliche oder seelische Wohl des Kindes gefährden, kann als Zwang erlebt werden. Dieser Weg führt zunächst erstaunlich schnell zum gewünschten Verhalten. Das Kind hat dann aber nicht gelernt, dass das eingeforderte Verhalten richtig ist. Es zeigt dieses Verhalten nur, um den Folgen zu entgehen und die Beziehung zu den Eltern aufrechtzuerhalten. Der Weg des Zwangs führt daher zwar zu Gehorsam, verhindert aber Kooperation: Wo das Wohlergehen des Kindes bedroht ist, kann keine gemeinsame Zielverfolgung entstehen.
Die langfristigen Folgen solcher Erziehungsmuster können erheblich sein und sich auf das Selbstwertgefühl, soziale Beziehungen, die Emotionsregulation und das psychische Wohlbefinden auswirken. Im unmittelbaren Moment scheinen solche Methoden vielleicht am effektivsten, weil Kinder sich unter Zwang sehr schnell anpassen. Eine echte Zusammenarbeit, geschweige denn eine Einsicht in die Notwendigkeit eines Verhaltens, entsteht dadurch aber in der Regel nicht.
Bestechung: Kleine Anreize, die den Alltag erleichtern
Nicht ganz so folgenreich ist der Weg der Bestechung. Hier geht es um kleine Belohnungen oder Konsequenzen, die nicht unmittelbar auf die körperliche Autonomie und seelische Sicherheit des Kindes abzielen. Das Versprechen einer Belohnung, wenn das Zimmer aufgeräumt ist, oder die Ankündigung, dass es heute keine Folge der Lieblingsserie schauen darf, wenn es nicht jetzt sofort zum Zähneputzen kommt, sind Beispiele, die viele Eltern wohl in ähnlicher Form schon genutzt haben. Das Kind hat hier einen gewissen Handlungsspielraum. Es kann auf die Belohnung oder die Lieblingsserie verzichten, das Zimmer unaufgeräumt lassen und das Zähneputzen weiterhin verweigern. Die Eltern setzen aber Anreize, sich doch für das gewünschte Verhalten zu entscheiden.
Doch auch bei dieser Form handelt das Kind nicht unbedingt aus Einsicht. Es räumt nicht auf, weil man sonst bald nicht mehr ohne Verletzung durchs Zimmer kommt, und es putzt sich nicht die Zähne, damit sie nicht krank werden. Es tut dies nicht einmal, um den Eltern einen Gefallen zu tun, sondern lediglich, um die versprochene Belohnung zu bekommen oder einer negativen Folge zu entgehen. Wenn solche äußeren Anreize regelmäßig eingesetzt werden, kann sich die Aufmerksamkeit des Kindes dadurch stärker auf die Belohnung oder die Konsequenz richten als auf den Sinn der Handlung selbst.
Langfristig kann so der Eindruck entstehen: Ich muss nur tun, was andere von mir wollen, wenn ich einen unmittelbaren Nutzen davon habe. Es kann dann auch passieren, dass das Kind aktiv Belohnungen einfordert oder versucht, diese in die Höhe zu treiben, und die Eltern so letztlich dazu bringt, sich nach dem kindlichen Willen zu richten.
Ich soll den Tisch aufdecken? Was gibt es dann zum Nachtisch?
Ihr wollt, dass ich mich anziehe? Dann tragt ihr mich aber zur Kita.
Dieses Verhalten ist kein böser Wille des Kindes und auch keine tyrannische Manipulation. Das Kind wendet an, was es selbst immer wieder erfährt: Wenn andere etwas von mir wollen, muss dabei auch etwas für mich herausspringen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass jede in Aussicht gestellte Belohnung oder jede angekündigte Konsequenz die kindliche Kooperationsbereitschaft negativ beeinflusst. Manchmal muss es im Alltag schnell gehen, und dann ist eine kleine Bestechung völlig in Ordnung. Schließlich haben davon alle etwas. Problematisch wird es, wenn Bestechungen systematisch und regelmäßig eingesetzt werden. Haben Eltern den Eindruck, dass ihr Kind nur tut, was man ihm sagt, wenn es danach eine Belohnung bekommt, lohnt sich daher ein Blick darauf, wie oft ihm diese Belohnung angeboten wurde, damit der Alltag reibungslos verläuft. Denn im Alltagsstress verlieren Eltern schnell aus dem Blick, wie anstrengend Kooperation für kleine Kinder sein kann. Schließlich ist der eigene Wille bei Kindern schon früh deutlich spürbar und soll sich gleichzeitig immer wieder mit den Wünschen und Erwartungen anderer auseinandersetzen.
Kooperation bei Kindern: Der lange Weg zum gemeinsamen Ziel
Echtes kooperatives Verhalten von Kindern entsteht dort, wo das Kind sich aus freiem Willen dazu entscheidet, das zu tun, was andere wollen. Oder besser noch: wo alle Beteiligten ihre Bedürfnisse und Wünsche aufeinander abstimmen und so ein gemeinsames Ziel verfolgen. Das ist weder in der Theorie noch in der Praxis selbstverständlich. Der kindliche Wille zeigt sich zwar schon früh, ist aber noch nicht ausgereift. Das Bewusstsein dafür, dass der eigene Wille auf das Selbst beschränkt ist, von anderen nicht geteilt werden muss und teilweise sogar im Widerspruch zu dem steht, was andere wollen, entwickelt sich erst später. Mit ihm entwickeln sich nach und nach wichtige Voraussetzungen für die Kooperationsfähigkeit: die Fähigkeit, den eigenen Willen zu regulieren, eigene Wünsche zurückzustellen und die Wünsche anderer zu berücksichtigen. Das Kind muss erst erfahren, wo es seinen Willen ungehemmt durchsetzen kann und wo ihm Widerstände begegnen. Außerdem muss es lernen, dass nicht alle Menschen dasselbe wollen wie es selbst. Echte Kooperation entwickelt sich daher langsam, weshalb es so verlockend ist, im erzieherischen Alltag Bestechung oder Zwang einzusetzen. Schließlich wollen Eltern JETZT, dass ihr Kind tut, was sie sagen, und nicht erst in ein paar Jahren.
Trotzdem ist es für die soziale Entwicklung und das gesellschaftliche Zusammenleben unglaublich wichtig, dass Kinder echte Kooperation lernen. Und diese lernen sie, wie übrigens vieles andere auch, am besten am Beispiel. Wenn ich also möchte, dass mein Kind gelegentlich seinen eigenen Willen zurückstellt, um meinem zu folgen, muss ich auch immer wieder Situationen schaffen, in denen ich meinen Willen dem kindlichen unterordne. Zum Beispiel, indem ich seinem Spiel folge, ihm kleine Entscheidungen wie die Wahl des T-Shirts überlasse, bei größeren Entscheidungen seine Meinung anhöre oder ihm in einem gewissen Rahmen die Kontrolle über den Tagesablauf anvertraue.
Wenn Eltern immer wieder Momente schaffen, in denen das Kind echte Autonomie erlebt, seine Wünsche ernst genommen, seine Ideen gehört und seine Entscheidungen respektiert werden, lernt es nach und nach auch, dieses Verhalten anderen entgegenzubringen. Denn Kinder bringen – und das muss man sich immer wieder klarmachen – von Anfang an wichtige Voraussetzungen für soziales und kooperatives Verhalten mit. Sie wollen ihren Bezugspersonen helfen und mit ihnen verbunden sein. Sie verstehen aber lange nicht, dass diese nicht immer dasselbe wollen wie sie selbst und dass eigene Wünsche manchmal zugunsten eines gemeinsamen Ziels zurückgestellt werden müssen.
Kooperation im Alltag: Wenn es schnell gehen muss
So sinnvoll Kooperation, das Beachten kindlicher Bedürfnisse, das Wahren von Autonomie und das Ernstnehmen von Wünschen und Entscheidungen auch sind, einfach ist es nicht. Denn im Alltag gibt es oft Momente, in denen es schnell gehen muss, in denen Eltern bereits eine Vorstellung im Kopf haben und keine Zeit bleibt, das Kind mit einzubeziehen. Kurz gesagt: Momente, in denen das Kind einfach tun soll, was man von ihm will. Hier kann man nicht darauf warten, dass sich Kooperation entwickelt. Sie muss in diesem Augenblick funktionieren. In diesen Situationen müssen Eltern klar die Führung übernehmen. Das heißt aber nicht, dass sie Zwang ausüben oder immer zu Belohnungen oder Konsequenzen greifen. Manchmal ist es möglich, dem Kind in einem vorgegebenen Rahmen eine Entscheidung zu überlassen. So entscheiden die Eltern zum Beispiel, dass es nun Zeit ist, in die Kita zu gehen. Diese Entscheidung steht, daran kann das Kind nicht mehr rütteln. Es darf aber entscheiden, welches Kuscheltier es heute mitnehmen möchte und welche Jacke oder welche Schuhe es anzieht. So entsteht ein Gefühl von Mitbestimmung und es fällt dem Kind oft leichter, der elterlichen Führung zu folgen.
Doch manchmal ist selbst das nicht möglich. Auch das ist nicht schlimm, denn das Erleben der anderen Seite ist für das Kind ebenfalls wichtig: Manchmal muss ich tun, was andere sagen. Das muss mir nicht gefallen, aber es ist in Ordnung.
In solchen Momenten kommt es vor allem darauf an, dass die Eltern feinfühlig mit den Reaktionen des Kindes umgehen. Denn für das Kind bedeutet die Situation im ersten Moment tatsächlich eine Einschränkung der eigenen Autonomie. Es sollte deshalb gleichzeitig erleben: Ich darf wütend sein, wenn ich meinen Willen nicht bekomme. Es gibt einen guten Grund, warum wir jetzt tun, was meine Eltern wollen. Mein Wille wird dabei nicht durch Zwang unterdrückt oder durch Bestechung gelenkt, und in einem anderen Moment richten wir uns auch nach dem, was ich möchte.
Denn echte Kooperation kann nur entstehen, wenn die Autonomie auf beiden Seiten sichtbar ist und gewahrt wird. Ich habe einen Willen, du hast einen anderen. Aber wir können ihn auf ein gemeinsames Ziel richten, ohne den anderen in seiner Autonomie zu beschränken.
Damit Kinder dieses Verständnis entwickeln können, ist vor allem eine zugewandte Haltung der Eltern wichtig, die auch dann bestehen bleibt, wenn das Kind einmal nicht das Verhalten zeigt, das sich die Erwachsenen wünschen.
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Weiterführende Literatur:
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